Miesch Hans (1880–1941)
Hans Miesch war Architekt Baumeister und kurze Zeit Kantonsrat. Er erbaute, meist auf eigene Rechnung, innerhalb von zehn Jahren fast das Chamer Bahnhofquartier und im Auftrag des Kantons das Morgartendenkmal. Ab 1912 geriet die Firma in Schieflage, 1913 ging sie in Konkurs. Sein Geschäft und sein Hausrat wurden versteigert. Miesch setzte sich nach Australien ab.



Stationen
Miesch prägt die Bautätigkeit in Cham
1880 Johannes Miesch, genannt Hans, kommt am 24. Juni in Titterten BL zur Welt. Seine Eltern sind Karl Miesch und Marie, geb. Schweizer. [1]
1903 Hans Miesch lässt sich am 17. Oktober offiziell in Cham nieder. [2] Seine Werkhalle befindet sich an der Rigistrasse. [3]
Hans Miesch, Architekt, von Titterten (BL), in Cham, Alfred Doebeli, Architekt, von Alliswil (AG), in Biel, und Robert Brügger, von Frutigen (BE), in Biel, tragen im Handelsregister auf den 1. November unter der Firma Miesch & Cie in Cham eine Kollektivgesellschaft ein. Natur des Geschäftes: Architektur- und Baugeschäft. [4]
1904 Miesch erbaut die Häuser an der Hünenbergerstrasse 16, 18 und 20 und 22. Seine Architektur ist vom Jugend- und Heimatstil geprägt. [5]
1905 Hans Miesch erstellt die Turnhalle neben dem Gemeindehaus. [6] Das Portal zur Luzernerstrasse umrahmt er mit zwei wuchtigen Sandsteinsäulen. In Baar erbaut Miesch das schlossartige Gebäude der Neumühle direkt beim Bahnhof. [7]
An der Bahnhofstrasse 11 in Cham baut Miesch ein Wohnhaus mit «Bureau» und Magazin (Ass.-Nr. 297a). [8] Im Steuerregister sind 6000 Franken Vermögen und 3000 Franken jährliches Einkommen nachgewiesen. [9]
Auf den 28. September wird die Kollektivgesellschaft aufgelöst und in die Einzelfirma Hans Miesch überführt. [10]
1906 Das Baukomitee für Erstellung des Morgartendenkmals vergibt im Auftrag des Initiativkomitees die Ausführung der Arbeit an Architekt Hans Miesch in Cham. [11] Der Kostenvoranschlag lautet auf 65'000 Franken. [12]
Frau Burri–Gwerder klagt gegen Miesch. Sie stellt eine Forderung von 118.05 Franken nebst Zins. Es kommt zu einem Vergleich. Miesch bezahlt 100 Franken. [13]
1907 Hans Miesch erstellt das «Bründlerhaus» an der Luzernerstrasse 45. Er verwendet dazu einen vorhandenen Scheunenbau von 1854 und überstülpt diesem einen kleinen, reizvollen Heimatstilbau. Bauherr ist Oberst Richard Vogel (1870–1950), der im «Alten Raben» wohnt. Zudem erarbeitet Miesch ein Vorprojekt für den Bau einer Reformierten Kirche in Cham. Doch das Projekt wird nicht weiterverfolgt. [14] Schliesslich erbaut er auch das Haus Poststrasse 7, ein Wohnhaus im Heimatstil. [15]
Im Juli kommt des zu einer Klage von Zimmermeister Hotz in Baar gegen Miesch wegen einer nicht bezahlten Rechnung. [16]
1908 Miesch erbaut das Seebad im Hirsgarten, einen Holzbau, der auf Schwimmkörpern im See liegt und durch bewegliche Eisenbrücken mit dem Ufer verbunden ist. [17] Auch im Bahnhofquartier wirkt er weiter: Er erbaut die Liegenschaft Poststrasse 13/15 im Heimatstil. Unter dem grossen Terrassenanbau befindet sich der Käsekeller der Käse-Exportfirma Lustenberger. [18]
Anfang August wird das von der Firma Miesch erbaute Morgartendenkmal eingeweiht. [19]
Wieder kommt es zu einer Klage gegen Miesch, diesmal durch den Chamer G. Kost. [20]
1909 Miesch übernimmt auch die Baumeisterarbeiten beim Asyl auf dem Zündhölzliberg.
1910 Auf den 1. Januar wird aus der Einzelfirma wieder eine Kollektivgesellschaft. Rudolf Spindler, von Basel in Cham wird mit 30'000 Franken Teilhaber und erhält die Prokura. Die Firma hiesst nun Hans Miesch & Co. [21]
Miesch versteuert ein Vermögen von 31'000 Franken und ein Einkommen von 4500 Franken. [22] Er zählt damit zu den vermögenderen Chamern. Er erbaut auf eigene Rechnung das Restaurant Laube direkt beim Bahnhof (später Restaurant Bahnhof). [23] Er setzt dabei auf typische Elemente des Schweizer Heimatstils. Die Bauweise ist aufschlussreich: Massive Elemente zeigen städtische Züge, hölzerne Elemente stehen dagegen für das einheimische, ländliche Bauen. Miesch erhält vom Gemeinderat die Bewilligung «zur Führung einer Speisewirtschaft beim Bahnhof Cham». [24]
Im gleichen Jahr baut Miesch auch das Haus Poststrasse 3 [25], das dreigeschossige Gebäude mit dem Delikatessengeschäft im Erdgeschoss (ab 1922 Apotheke Anklin). Schliesslich entwirft er auch das Schulhaus Holzhäusern, ebenfalls im Heimatstil, das von Baumeister Kost aus Küssnacht am Rigi realisiert wird. [26]
1911 Miesch wird Vertreter der Freisinnigen im Kantonsrat. [27] Als Baumeister wirkt er auch an der Rigistrasse: Die Liegenschaft Rigistrasse 23 erstellt er im Heimatstil. [28] Für die Papierfabrik Cham erbaut Miesch an der Sinserstrasse 16 ein neubarockes, geradezu herrschaftlich wirkendes Arbeiter-Wohnhaus. [29]
Miesch beschwert sich beim Gemeinderat über die Art der Aushebung des Morastes aus dem Graben beim Bahnhof. Der Gemeinderat leitet das Anliegen an die kantonale Sanitätsdirektion weiter. Doch der Regierungsrat erklärt sich für nicht zuständig. Miesch droht daraufhin mit der «Verstopfung der Wasserzuläufe». [30]
Zudem trägt Miesch einen weiteren Kampf mit den Gemeindebehörden aus. Er wird gerügt, auf der Rigistrasse ohne Bewilligung einen Dohlenanschluss erstellt zu haben. Dazu hätte er eine Bauhütte aufgestellt, ohne die gesetzliche Distanz einzuhalten. Miesch wehrt sich damit, dass die Hütte temporär sei und er die Strasse im Auftrag der Wasserwerke aufgerissen habe. «Ihm sei nicht entgangen, dass das Bauamt ihm in letzter Zeit viel Aufmerksamkeit widme.» Gegen diese Unterstellung verwahrt sich das Bauamt. [31]
Die Firma gerät zunehmend in Schieflage
1912 Auf den 1. Januar tritt ein neuer Teilhaber in die Firma ein. Hans Miesch von Titterten (BL) ist unbeschränkt haftender Gesellschafter; Wilhelm Hauser von Trasadingen (SH) ist Kommanditär mit 20'000 Franken und erhält die Prokura. Natur des Geschäftes: Architektur und Baugeschäft. [32]
Im Mai schliesst sich eine Vereinigung von Männern zur „Hypothekar-Genossenschaft Cham“ zusammen und trägt sich im Handelsregister ein. Zweck ist die „Belehnung von bestimmten Liegenschaften mit Hypotheken im Betrag (von oder bis ?) Fr. 200'000. Das Genossenschaftskapital beträgt Fr. 80'000. Es ist voll gezeichnet und mit 70% einbezahlt. Die genossenschaftliche Geschäftsleitung besorgen: Dr. Franz Bucher-Heller, Luzern, als Präsident, als Vizeräsident Hieronymus Baumgartner in Cham und Hans Miesch–Pfister, Cham, als Aktuar. Kontrollstelle und „Treuhänderin": die Bank in Zug, Viktor Stampfli, Solothurn, und Ed. Hürlimann–Gyr, Brunnen. [33]
Am 3. Juni erhält Miesch den Zuschlag für die Erd– und Maurerarbeiten bei der Erweiterung des Land– und forstwirtschaftlichen Instituts der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich. Laut Zeitungsmeldungen ist seine Offerte die tiefste und deckt kaum die Selbstkosten. [34]
Im Juni wird die Hypothekar-Genossenschaft in Cham formell gegründet. Sie belehnt laut Separatvertrag vom 20. Mai 1912 diverse Hypotheken der Firma Miesch & Co. Der Vorstand besteht aus einem Präsidenten und zwei Mitgliedern. Die Mitglieder des Vorstandes führen je zu zweien kollektiv die rechtsverbindliche Unterschrift. [35]
Im August erscheint in der Neuen Zürcher Zeitung ein Artikel, in welchem die Finanzierung von Mieschs Firma sehr kritisch beleuchtet wird. (vgl. unten: eigentümliche Finanzierung der Firma) [36]
Baumeister Miesch erbaut auf der «Rabenmatt» das Postgebäude mit Wohnungen, die Liegenschaft Luzernerstrasse 17. Dazu reisst er die alte Rabenscheune ab. Miesch fungiert als Architekt und als Bauherr. Sein Stil hat sich gewandelt: War er ursprünglich dem Heimatstil verpflichtet, baut er nun repräsentative Neubarockbauten. [37]
Im gleichen Jahr übernimmt Miesch zusammen mit Mathias Henggeler (1859–1916), Schmied in Lindencham, das Haus Merkur am Kirchenplatz.
Und Miesch arbeitet auch im Industriebau für die Papierfabrik Cham. Zusammen mit der grossen Zürcher Bauunternehmung Locher & Cie. realisiert er die Erweiterung der Fabrik für die Papiermaschine 3. [38]
1913 Mitte August teilt die Baufirma Hans Miesch u. Co. durch ihren Anwalt Dr. Max Stahel in Zürich den Gläubigern mit, dass es ihr an den nötigen Barmitteln fehle. [39]
In einem Brief vom 29. August gibt Hans Miesch dem Gemeinderat seine Demission als Kantonsrat bekannt. [40]
Am 30. August lädt die Firma nach Zug zu einer Gläubigerversammlung ein. In der Presse erscheinen ausführliche Artikel zur desolaten finanziellen Lage der Firma. [41]
Am 3. September weist das Zuger Kantonsgericht den Antrag auf Nachlassstundung ab. [42]
Am 30. Oktober findet auf Anordnung des Obergerichts im Hotel Hirschen in Zug erneut eine Gläubigerversammlung statt. Sachwalter ist A. Wettach, Konkursbeamter. Anwälte sind J. Andermatt, Baar, und Dr. A. Belmont, Cham. [43] Dabei wird unter anderem festgestellt, dass das Privatvermögen von Miesch in den letzten Jahren beträchtlich angewachsen sei. [44]
Am 6. November verlängert das Kantonsgericht die Nachlassstundung bis 1. Dezember. [45]
Am 12. November wird über die Firma Hans Miesch & Cie, Baugeschäft und über den Privatmann Hans Miesch der Konkurs eröffnet. [46]
Am 24. November wird die Firma aus dem Handelsregister gelöscht. [47]
1914 Auf den 11. Mai tritt Hans Miesch aus dem Vorstand der Hypothekar–Genossenschaft aus. Der neue Vorstand setzt sich wie folgt zusammen: Dr. Clemens Iten von Unterägeri in Zug, Präsident, Dr. Franz Bucher-Heller in Luzern, Aktuar, Hieronymus Baumgartner in Cham, Beisitzer. [48] Dr. Clemens Iten ist ein führender Politiker der Liberalen, Rechtsanwalt und Verwaltungsrat verschiedener Firmen. Er sass im Komitee für den Bau des Morgartendenkmals, das Hans Miesch ausgeführt hat.
Nach dem Konkurs gehen die Liegenschaften von Miesch an die Hypothekargenossenschaft Cham, [49] das Baugeschäft an seinen ehemaligen Mitarbeiter und Teilhaber, Baumeister Wilhelm Hauser (1874–1943), der seit mindestens 1912 für Miesch gearbeitet hat. [50]
Im Mai werden aus der Konkursmasse von Mieschs Firma in Zürich Baumaterialien aus der Baustelle des Gebäudes der ETH verkauft. [51]
Im Juli wird anlässlich einer Gläubigerversammlung bekannt, dass aufgrund eines von der ersten Gläubigerversammlung verlangten Expertengutachtens über die Buchhaltung der Firma schwere Missstände zutage getreten seien. Die Inventare und Bilanzen entsprechen nicht den Tatsachen und erfüllen den Tatbestand eines Deliktes. Es hätten doppelte Abtretungen ein und derselben Posten und Garantie-Rücklässe stattgefunden. [52] Von verschiedener Seite wird die Überweisung Mieschs an den Strafrichter verlangt. [53]
Am 27. Juli werden die Mieschs Liegenschaften Ass.-Nr. 314 samt Umgelände (Schätzwert: 52'000 Franken) und Ass.-Nr. 175 a/b (Schätzwert: 38'000 Franken) versteigert. [54]
Miesch setzt sich nach Australien ab
1915 Am 26. Mai werden auf Mieschs Werkhof und Magazin an der Rigistrasse diverse Bauutensilien versteigert. Am 19. Juli werden im Restaurant Ritter zwei Grundstücke von Miesch versteigert, eines in der Märzenmatte an der Rigistrasse, seinem Wohn– und Geschäftssitz, eines in der Rabenmatte beim Postgebäude. [55]
Am 14. Juni wird Hans Miesch, zurzeit unbekannten Aufenthalts vormals im Cham, aufgefordert sich innerhalb von drei Monaten bei den Zuger Strafverfolgungsbehörden zu melden. Ihm wird betrügerischer, leichtsinniger Bankrott vorgeworfen. [56]
Mitten in diesen Wirren setzt sich Miesch mit seiner Familie nach Australien ab. [57] Wann genau ist unklar.
1916 Die letzte Nachricht von Miesch stammt aus Sydney, Australien. Seither gilt Miesch als «spurlos verschollen». [58]
1921 Das Konkursamt meldet den Schluss des Konkursverfahrens Miesch & Cie. [59] Das Kantonsgericht erlässt einen «Verschollenheitsruf». Daraufhin meldet sich Jakob Zimmerli (1863–1940), Stadtpräsident von Luzern und Anwalt von Miesch. Er habe zuletzt am 2. Februar mit seinem Mandanten Kontakt gehabt.
Der Zuger Regierungsrat nimmt die Schlussrechnung und die Verteilungsliste im Privatkonkurs von Miesch entgegen und leitet sie ans Bundesgericht weiter. [60]
1941 Obwohl zwischenzeitlich «verschollen», dringt die Kunde nach Zug, dass Miesch am 14. Mai im Alter von 61 Jahren gestorben sei. [61]
1942 Mieschs Sohn Hans tritt am 10. Juli während des Zweiten Weltkriegs in die australische Armee ein, am 29. September 1945 wird er aus dem Dienst entlassen. [62]
Baumeister des Morgartendenkmals
«Zweitens wurde weder in den Reden noch in den Berichterstattungen mit einem einzigen Worte des Bau- meisters gedacht, der das große Werk so schön und solid nach den Rittmeyer'schen Plänen ausgeführt hat, nämlich des Herrn Architekten und Baumeisters Hans Miesch in Cham, welcher der Erbauer des Denkmals ist. Wenn auch die geistige und physische Arbeit, welche die Erstellung des Werkes erforderte, in keinem Verhältnisse steht zur genialen künstlerischen Idee des Projektverfassers, so ist es doch gewiß auch ein Gebot der Pflicht, das Verdienst der Erstellung hervorzuheben. Der Bau dieses neuartigen großen Werkes war keine leichte Aufgabe und mit bedeutenden Schwierigkeiten verbunden, um so mehr, als, wie bekannt, s. Z. ein Sturmwind das erste große Auszugsgerüst zerstörte und es scharfsinniger und klug berechneter Konstruktionen und zäher Ausdauer bedürfte, das edle, wuchtig wirkende Werk rechtzeitig auszuführen. Ehre, dem Ehre gebührt.» [63]
Die Funktion der Hypothekar–Genossenschaft Cham
Die Hypothekar–Genossenschaft wurde 1912 gegründet, um dem Chamer Baugeschäft von Hans Miesch liquide Mittel zuzuführen. Nach Mieschs Konkurs erwarb die Genossenschaft in einer konkursamtlichen Steigerung die meisten Liegenschaften von Miesch. 1919 änderte sie ihren Namen in Immobilien–Genossenschaft, Cham. 1938 wurde sie aufgelöst.
Kritik an Mieschs Finanzierungsmodell
Im August 1912 hinterfragt die NZZ das Finanzierungsmodell von Mieschs Baufirma über die Hypothekargenossenschaft kritisch:
«Auf eine eigentümliche Art sucht die Firma Hans Miesch & Co. in Cham ihre geschäftlichen Unternehmungen zu finanzieren. Sie erläßt einen Prospekt zur Gründung einer Hypotheken-Genossenschaft, die den Zweck haben soll, eine Anzahl Wohn- und Geschäftshäuser, die teils auf eigene Rechnung der Firma Hans Miesch & Co. erbaut, teils zur Löschung gewisser; Bauservituten erworben werden mußten, zu beleihen. Die Genossenschaft soll der Firma Hans Miesch & Co. ein Darleihen von 200'000 Fr. gewähren, der Betrieb und Verkauf der Liegenschaften bleibt hingegen in den Händen des Eigentümers. Das Darlehen ist versichert durch Hypotheken auf Liegenschaften im Schatzungswert von 440'000 Fr. Im Vertrag wird als Kontrahent die Firma Hans Miesch & Co. genannt, in den Statuten wird in Paragraph 2 Alinea a und h von Belehnung von Liegenschaften gesprochen, die dem Hans Miesch allein gehören. Für die Belehnung dieser Liegenschaften gelte ein mit der Firma Hans Miesch & Co. abgeschlossener Separatvertrag, über dessen Bestimmungen diejenigen, die zur Gründung der Genossenschaft eingeladen werden, wie es scheint, nichts wissen. Auf alle Fälle leidet der von der Firma Hans Miesch & Co. verfaßte Gründungsprospekt nicht an übermäßiger Klarheit.» [64]
Am 4. August platziert Miesch eine Entgegnung:
«Die Genossenschaft, von deren Gründung die NZZ gesprochen hat, ist im Mai dieses Jahres effektiv gegründet und das Genossenschaftskapital von 80'000 Fr. statutengemäß einbezahlt worden. Die breite Oeffentlichkeit wurde bei der Gründung nicht begrüßt, sondern das Kapital wurde aus Interessentenkreisen der Innerschweiz beigebracht. Um Mißverständnisse zu vermeiden, wollen wir ausdrücklich feststellen, daß es sich bei der Gründung der Hypotheten-Genossenschaft Cham nicht darum handelt, die geschäftlichen Unternehmungen der Firma Hans Miesch & Co. Baugeschäft zu finanzieren, sondern die in dem Hypothekenbestand der Firma angelegten Gelder flüssig zu machen. Der Separatvertrag, von dem die NZZ sprach, bildet einen integrierenden Bestandteil der Statuten und ist von der Generalversammlung der Genossenschafter genehmigt worden. Die ungewöhnliche Steifheit der Geldverhältnisse ist es, die uns veranlaßt, auf dem Wege der Genossenschaft auf unsere Hypotheken Gelder aufzunehmen. Anm. der Redaktion: Wir haben uns aus dem vorgelegten Protokoll der Generalversammlung überzeugt, daß die Genossenschafter sich aus dem engsten Umkreis von Cham rekrutieren und daß die Gründung der Genossenschaft bereits am 28. Mai vollzogen und der vorgelegte Separatvertrag von der Generalversammlung genehmigt wurde.» [65]
Bericht über die Krisensitzung im September 1913
«Dieses Unternehmen ist seit einiger Zeit in finanzieller Verlegenheit und erließ deshalb vor etwa vierzehn Tagen ein Zirkular an seine Gläubiger, in welchem dieselben eingeladen werden, sich an einer zu gründenden Aktiengesellschaft in dem Sinne zu beteiligen, daß sie für ihre Forderungen Aktien in gleichem Betrage übernehmen würden. Es scheint, daß man für diesen Plan nicht so leichterdings zu haben war. Die Firma sah sich veranlaßt, einen anderen Weg zur Sanierung einzuschlagen und berief auf letzten Samstag eine Kreditorenversammlung zusammen, zu welcher sich 28 Personen einfanden, um mit ihnen bezüglich eines Nachlaßverträges zu unterhandeln. Der Vorsitzende. Hr. Dr. Stahl- Zürich, Rechtsanwalt der Firma, gab Aufschluß über die gegenwärtige unangenehme Situation, welche von allzugroßer Immobilisationen herrühre. Die Firma wäre nun in der Lage 30 Prozent zu offerieren und ersuche die Herren Kreditoren auf dieser Basis einem Nachlaßvertrag zuzustimmen. Man habe zwar von einigen Seiten bereits den Konkurs verlangt, aber es müsse darauf aufmerksam gemacht werden, daß ein Konkurs ohne Zweifel weniger erbringen würde als 30 Prozent und der Platz Cham bei einem solchen hart in Mitleidenschaft käme. Hr. Ständerat Andermatt wünschte nun einige Ausschlüsse, Hauptsächlich wegen des Bankpostens von Fr. 77'400. der Bauten für die eidgen. techn. Hochschule und über schwebende Bürgschaftsverhältnisse, welche von Miesch beantwortet wurden; für die eidgen. Bauten wurden bis 30. Juni für 385'000 Fr. Arbeit geliefert, Fr. 350'000 seien bereits bezahlt. Hr. Andermatt erklärte sich mit der erhaltenen Auskunft befriedigt, nur komme es ihm auffallend vor, daß man zuerst eine Aktiengesellschaft gründen wollte und dabei zirka 83'000 Fr. Aktiven herausrechnete, nun aber, nachdem dieser Versuch mißlungen, einen Nachlaßvertrag mit 30 Prozent offeriere. Miesch entschuldigte sich, er sei eben kein Kaufmann und habe sich in dieser Sache ganz auf das Revistonsbureau verlassen. Hr. Rechtsanwalt Wüst - Zürich vermißte einen richtigen Status, der über die Situaton klaren Aufschluß gebe und beantragt, es solle ein solcher, von Fachmännern ausgestellt, in kürzester Zeit vorgelegt werden, dann könne man erst einen Entschluß fassen. Nachdem dann Dr. Stahl darauf hinwies, daß die Sache eben sehr dränge, daß ja die Gläubiger, auch wenn sie der Nachlaßofferte zustimmen, immer noch Einreden vor Gericht geltend machen könnten und Hr. Konkursbeamter Wettach ebenfalls eine Nachlaßstundung befürwortete, erklärten sich Hr. Andermatt zum Nachlaß einverstanden, wenn die Zustimmungserklärung abgeändert werde und Hr. Wüst ebenfalls, verlangte aber, daß ein Quotenansatz nicht genannt werde, sondern man sich nur zu erklären habe, daß man einer Nachlaßstundung grundsätzlich zustimme.» [66]
Bericht über Mieschs Konkurs
«Konkurs Hans Miesch u. Cie., Baugeschäft, Cham (Zug). An der dieser Tage stattgefundenen zweiten Gläubigerversammlung wurde mitgeteilt, daß die Aktiven bei diesem Konkurs 536 938 Fr. und die Passiven 744 533 Fr. betragen, so daß sich ein Verlust von 207 594 Fr. ergibt. Für die Gläubiger steht eine Konkursdividende von 14 % in Aussicht, für die Privatgläubiger Mieschs wird nichts erhältlich sein. Nach dem von der ersten Gläubigerversammlung einverlangten Expertengutachten sollen die Inventarien und Bilanzen derart aufgestellt sein, daß sie den Tatsachen nicht entsprechen und den Tatbestand eines Deliktes involvieren. Von verschiedener Seite wurde an der Gläubigerversammlung nachdrücklich die Ueberweisung Mieschs an den Strafrichter verlangt.» [67]
Aktiven und Passiven per 30. Juni 1914:[68]
Aktiven | ||
1. Immobilien | Fr. | 354'050 |
2. Mobilien | Fr. | 30'869 |
3. Werttitel | Fr. | 102'500 |
4. Guthaben | Fr. | 2'612 |
5. Gewinn aus während der Konkursverwaltung ausgeführten Arbeiten | Fr. | 506 |
6. Guthaben aus Bauverträgen. | Fr. | 34'717 |
7. Kassasaldo | Fr. | 141 |
8. Mietzinse, bereits eingezogen | Fr. | 10'188 |
Mietzinse ausstehend | Fr. | 1'351 |
Total Aktiven | Fr. | 536'938 |
Passiven | ||
1. Grundversicherte Forderungen | Fr. | 172'308 |
2. Faustpfandversicherte Forderungen | Fr. | 400'700 |
3. Unversicherte Forderungen inkl. 700 Fr. privileg. Guthaben und vorläufig bestrittene Posten, Anerkannt 135'996 Fr. Bestritten 85'628 Fr. |
Fr. | 171'525 |
Total Passiven | Fr. | 744'533 |
Passivenüberschuss | Fr. | 207'594 |
Mieschs Hausrat bei der Versteigerung am 30. März 1914
Der Hausrat der Familie Miesch wurde in ihrem Haus Mattle (Ass.-Nr. 306 und 307) an der Rigistrasse gegen Barzahlung versteigert. Er umfasste:
1 Piano (Pianola) mit 25 Musikrollen, 1 harthölz. Etagere, 1 Klassiker-Bibliothek mit 42 Bänden und Regal, 1 Bodenteppich, 3 Lambrequins, 1 Küchenbuffet, 1 zweilöcheriger Gaskochherd, 1 geschnitzter Garderobeständer, 1 rundes Arbeitstischli, 2 Fußbänkli, 1 eichener Bücherschrank, 1 Waffenschrank, 4 Gewehre, 1 Flobertgewehr, 1 Ameublement (1 Divan, 2 Fauteuil, 3 Sessel), 1 zweiteiliger eichener Spiegelschrank, 1 Waschkommode mit Spiegelaufsatz, 1 nuß-baumener Salontisch, 1 Rohrliegestuhl, 1 Klavierstuhl, 1 Meyers Konversationslexikon, 17 Bände, 1 Brockhaus Konversationslexikon, 17 Bände, 1 Band Leemann, Die gute, alte Zeit, Praktische Heilkunde, 2 Bände, Velhagen u. Klassing, 2 Bände, 22 Hefte, Jahrbuch des Schweiz.Alpenklub, 4 Bände diverse Lektüre; ferner 1 amerik. Rollsitzpult, 1 Aktenschrank mit Rolladen, Bureaulehnstuhl, 1 Vertikow, 1 Sitz- und 1 Stehpult, 1 Régulateur, 1 großer eichener Tisch [69]
Einzelnachweise
- ↑ Staatsarchiv Zug, M 4.58 Amtsblatt des Kantons Zug, Juni 1915, S. 1200
- ↑ Einwohnergemeindearchiv Cham, 10–49–11, Stimmregister der Niedergelassenen
- ↑ Gruber, Eugen et al., Geschichte von Cham, Bd. 2, Cham 1962, S. 115
- ↑ Schweizerisches Handelsamtsblatt (SHAB), Band 21 (1903)
- ↑ Grünenfelder, Josef, Die Kunstdenkmäler des Kantons Zug, Neue Ausgabe, Bd. 2, Die ehemaligen Vogteien der Stadt Zug, Bern 2006, S. 121
- ↑ Vgl. Anmerkung 5 (Grünenfelder), S. 110
- ↑ Vgl. Anmerkung 5 (Grünenfelder), S. 68
- ↑ Staatsarchiv Zug, G 617.6.3, Assekuranzregister Cham, 2. Generation (1868–1929), 2. Band
- ↑ Steuerregister des Kantons Zug 1906, S. 98
- ↑ Schweizerisches Handelsamtsblatt (SHAB), Band 23 (1905)
- ↑ Täglicher Anzeiger für Thun und das Berner Oberland, 13.10.1906; Illustrierte schweizerische Handwerker-Zeitung: unabhängiges Geschäftsblatt der gesamten Meisterschaft aller Handwerke und Gewerbe, Band 22 (1906)
- ↑ Grütlianer, 05.12.1906
- ↑ Staatsarchiv Zug, G 259.218, Kantonsgericht: durch Vergleich und Abstandserklärung im Jahr 1906 gütlich, also ohne gerichtliche Verhandlung erledigte Prozesse.
- ↑ Vgl. Anmerkung 5 (Grünenfelder), S. 102, 130
- ↑ Vgl. Anmerkung 5 (Grünenfelder), S. 132
- ↑ G 259.225 Kantonsgericht: durch Vergleich und Abstandserklärung im Jahr 1907 gütlich, also ohne gerichtliche Verhandlung erledigte Prozesse
- ↑ Vgl. Anmerkung 5 (Grünenfelder), S. 112
- ↑ Vgl. Anmerkung 5 (Grünenfelder), S. 132
- ↑ Illustrierte schweizerische Handwerker-Zeitung : unabhängiges Geschäftsblatt der gesamten Meisterschaft aller Handwerke und Gewerbe, Band 24 (1908)
- ↑ Staatsarchiv Zug, G 259.231 Kantonsgericht: durch Vergleich und Abstandserklärung im Jahr 1908 gütlich, also ohne gerichtliche Verhandlung erledigte Prozesse, Band 1
- ↑ Schweizerisches Handelsamtsblatt (SHAB), Band 27 (1909), 2059
- ↑ Steuerregister des Kantons Zug 1910, S. 107
- ↑ Steuerregister des Kantons Zug 1910, S. 119
- ↑ Einwohnergemeindearchiv Cham, C1-50005, Protokolle Einwohnerrat 1910–1917, Nr. 20/1910
- ↑ Vgl. Anmerkung 5 (Grünenfelder), S. 132
- ↑ Vgl. Anmerkung 5 (Grünenfelder), S. 411
- ↑ Staatsarchiv Zug, Zuger Personen- und Ämterverzeichnis [Stand: 01.03.2024]; Neue Zürcher Zeitung, 19.10.1911
- ↑ Vgl. Anmerkung 5 (Grünenfelder), S. 133
- ↑ Vgl. Anmerkung 5 (Grünenfelder), S. 139
- ↑ Einwohnergemeindearchiv Cham, C1-50005, Protokolle Einwohnerrat 1910–1917, Nr. 355/1911, Nr. 429/1911 und Nr. 451/1911
- ↑ Einwohnergemeindearchiv Cham, C1-50005, Protokolle Einwohnerrat 1910–1917, Nr. 505/1911 und Nr. 517/1911
- ↑ Zuger Kantons-Anzeiger, 13. Januar 1912
- ↑ Zuger Kantons-Anzeiger, Band 1, Nummer 48, 29. Mai 1912
- ↑ Neue Zürcher Zeitung, 03.09.1913
- ↑ Zuger Kantons-Anzeiger, 05.06.1912
- ↑ Neue Zürcher Zeitung, 02.08.1912
- ↑ Vgl. Anmerkung 5 (Grünenfelder), S. 116, 127
- ↑ Vgl. Anmerkung 5 (Grünenfelder), S. 266
- ↑ Neue Zürcher Zeitung, 01. 09.1913
- ↑ Einwohnergemeindearchiv Cham, C1-50005, Protokolle Einwohnerrat 1910–1917, Nr. 1682/1913
- ↑ Neue Zürcher Nachrichten, 01.09.1913; Neue Zürcher Zeitung, 01. 09.1913
- ↑ Zuger Kantons-Anzeiger, 06.09.1913
- ↑ Schweizerisches Handelsamtsblatt (SHAB), Band 31 (1913), 1659
- ↑ Neue Zürcher Zeitung, 31.10.1913
- ↑ Schweizerisches Handelsamtsblatt (SHAB), Band 31 (1913), 2010
- ↑ Schweizerisches Handelsamtsblatt (SHAB), Band 31 (1913)
- ↑ Schweizerisches Handelsamtsblatt (SHAB), Band 31 (1913)
- ↑ Schweizerisches Handelsamtsblatt (SHAB), Band 32 (1914), 813, 814
- ↑ Schweizerisches Handelsamtsblatt (SHAB), Band 31 (1913)
- ↑ Einwohnergemeindearchiv Cham, C1-50005, Protokolle Einwohnerrat 1910–1917, Nr. 849/1912
- ↑ Neue Zürcher Zeitung, 16.05.1914
- ↑ Neue Zürcher Zeitung, 17.07.1914
- ↑ Neue Zürcher Nachrichten, 20.07.1914
- ↑ Schweizerisches Handelsamtsblatt (SHAB), Band 32 (1914), 1150
- ↑ Schweizerisches Handelsamtsblatt (SHAB), Band 33 (1915), 666 und 898
- ↑ Staatsarchiv Zug, M 4.58 Amtsblatt des Kantons Zug, 1915, S. 390
- ↑ Staatsarchiv Zug, G 331.1, Erbaufrufe und Verschollenerklärungen 1882–1977, Verschollenheitsaufruf Hans Miesch von Titterten
- ↑ Staatsarchiv Zug, G 331.1, Erbaufrufe und Verschollenerklärungen 1882–1977, Verschollenheitsaufruf Hans Miesch von Titterten
- ↑ Einwohnergemeindearchiv Cham, C1-50006, Protokolle Einwohnerrat 1917–1922, Nr. 3565/25.10.1921
- ↑ Zuger Volksblatt, 08.11.1921
- ↑ Staatsarchiv Zug, Zuger Personen- und Ämterverzeichnis [Stand: 01.03.2024]
- ↑ https://vwma.org.au/explore/people/1359739, [Stand: 02.04.2025]
- ↑ Illustrierte schweizerische Handwerker-Zeitung : unabhängiges Geschäftsblatt der gesamten Meisterschaft aller Handwerke und Gewerbe, Band 24 (1908)
- ↑ Neue Zürcher Zeitung, 02.08.1912
- ↑ Neue Zürcher Zeitung, 04.08.1912
- ↑ Neue Zürcher Nachrichten, 01.09,1913
- ↑ Neue Zürcher Nachrichten, 20.07.1914
- ↑ Neue Zürcher Zeitung, 17.07.1914
- ↑ StAZG M 4.57 Amtsblatt des Kantons Zug, 1914, S. 190