Volkszählung 1771

Aus Chamapedia

Erhebungsblatt der Vogtei Cham, April 1771. Die Transkription als pdf-Dokument sowie ausgewählte Beispiele aus dem Dokument finden sich unten.

Von 1770 bis 1773 ist der Stand Zug wie ganz Mitteleuropa von einer grossen Teuerung und Nahrungsmittelknappheit betroffen. Im April 1771 lässt der Zuger Stadtrat in den Vogteien Cham, Hünenberg, Steinhausen, Risch und Walchwil die Zahl der Wohnhäuser, die Einwohnerzahl und den Vieh-, Obst- und Getreidebestand erheben. Es ist die älteste bekannte Volkszählung mit namentlicher Erwähnung der Haushaltvorstände.


Die Teuerungskrise von 1770 bis 1773

1770 Im Sommer herrscht in Zug eine grosse Teuerung. Die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln ist schwierig. Der Zuger Stadtrat verbietet die Lebensmittelausfuhr. [1]

1771 Im April des Folgejahrs verschärft sich die Lebensmittelkrise erneut. Der Stadtrat von Zug legt den Vertretern der drei Gemeinden des Äusseren Amts – Ägeri, Baar und Menzingen – nahe, dass man gemeinsam die Lebensmittelausfuhr aus dem ganzen Stand verbieten sollte. Der Stadtrat rationiert den Verkauf an Fremde, insbesondere dürfen die Bäcker Fremden kein Brot oder Mehl aus inländischem Getreide mehr verkaufen. [2]

In den umliegenden Kantonen gelten strenge Rationierungen und Ausfuhrbeschränkungen. Die Zuger schauen zunächst mal für sich: Die stadtzugerischen Untertanen aus den Vogteien Cham, Hünenberg, Steinhausen, Walchwil, Gangolfswil (Risch) und Oberrüti dürfen vor 12 Uhr im städtischen Ankenhaus keine Burger- oder Gemeindebutter, d.h. Butter aus dem Stadtgebiet und aus den äusseren Gemeinden, mehr kaufen. Als Notmassnahme bestimmt der Stadtrat nun auch den Brotpreis. Weiter ordnet der Rat die rasche Erhebung der vorhandenen Lebensmittelvorräte in jeder Vogtei an.

Für die Zählung in Cham ist Obervogt Karl Kaspar Stocklin (1716–1799), Metzger von Zug, verantwortlich (vgl. dazu die Ausführungen unten). [3]

Im Zugerland ist die Stimmung angespannt: Die Bevölkerung in Baar, Menzingen, Ägeri und in den städtischen Untertanengebieten ist unruhig und kommentiert das Krisenmanagement der Zuger Obrigkeit mit Schmähreden. Der Stadtrat droht nun unverhohlen damit, dass man eidgenössische Hilfe anfordern würde, sollte es zum offenen Aufruhr kommen. Die Ratsherren aus Baar, Ägeri und Menzingen sollen vor die Wahl gestellt werden, ob sie das Mandat betreffend die Ausfuhr von Lebensmitteln mit und neben der Stadt unterstützen, vollziehen und (gegen den Widerstand ihrer eigenen Leute) beibehalten wollen oder nicht. [4]

Die Gemeinden des Äusseren Amts setzen aber weiter andere Akzente in der Lebensmittelpolitik. Im Stadt- und Amts-Rat überstimmen sie die Stadt und erlauben weiter den Verkauf von Butter, Weizen, Brot, Mehl und Branntwein an Fremde. Den Stadtbürgern und Untertanen in den Vogteien ist dies verboten, wodurch sie benachteiligt sind. Der Bürgergemeindeversammlung der Stadt Zug will darauf als Gegenmassnahme den Zuger Markt für das Äussere Amt sperren. [5] Die Teuerung bleibt hoch. Das Ausfuhrverbot wird verlängert. [6]

Die Untertanen werden angehalten, die Lebensmittelscheine, also obrigkeitliche Handelsbewilligungen, gut aufzubewahren und zu gegebener Zeit zu belegen, bei wem und wie viel sie gekauft oder verkauft haben. Die Bauern und alle anderen, die Lebensmittel auf den Markt bringen, müssen unter Androhung von hohen Strafen und Konfiskation der Waren genau angeben, was und wie viel von jedem Produkt sie in den Kanton Zug einführen. Herr Spillmann [7] ist für Umsetzung dieser Massnahmen in Cham zuständig. [8]

1772 Der Untervogt von Cham ersucht die Zuger Stadtbürger im Namen aller Vogteien das Ausfuhrverbot für Getränke aufzuheben. Die Zuger Bürgerversammlung schmettert das Anliegen ab: Die Sperre wird bis Mai beibehalten. Diejenigen Untertanen im Ennetsee, die Getränke und Lebensmittel zu verkaufen haben, werden ernsthaft ermahnt, ihre überflüssigen Getränke und Lebensmittel verbilligt auf den Zuger Markt zu bringen. [9]

Im Sommer wird wegen der erneuten Teuerung das Ausfuhrverbot vom 24. November 1771 erneuert. Jegliche Ausfuhr von Lebensmitteln und Getränken aus der Stadt und den Vogteien ist weiter untersagt. [10] Die Lebensmittel müssen nach Zug auf den öffentlichen Markt gebracht werden. Wer Fürkauf (d.h. Kauf, bevor andere kaufen, z.B. ausserhalb des städtischen Markts), oder Aufkauf (d.h. Kauf zur Hortung, um Mangelsituationen auszunützen) betreibt, wird angezeigt und schwer bestraft. An der Sitzung des Stadt- und Amtrats soll der Zuger Stadtrat bei den Ratsherren des Äusseren Amts darauf dringen, gemeinsam Ausfuhrverbote für Lebensmittel, ausgenommen Butter und Käse, zu erlassen. [11]

1773 Erst nach drei Jahren Krise hebt der Stadt- und Amtrat das Lebensmittelexportverbot auf. Die Ausfuhr in andere Kantone basiert nun auf dem Gegenrecht. [12] Jede Art von Fürkauf ist jedoch weiter bei hoher Strafe verboten. Denunzianten erhalten eine schöne Belohnung. [13]


Liegenschaften und Einwohnerzahl nach Quartieren

Insgesamt werden im April 1771 in Cham 106 Wohnhäuser und 839 Einwohner (443 Männer und 396 Frauen; 322 Erwachsene und 517 Kinder; 797 Ortsansässige sowie 42 Personen, die als «Frönde Dienst» bezeichnet werden) erfasst. Nicht gezählt werden die Klosterfrauen und die Bediensteten im Zisterzienserinnenkloster Frauenthal.

Auch über die Nutztierbestand gibt die Erhebung einige Zahlen. Gemäss der Erhebung lebten in diesem Frühjahr 26 Pferde, 2 Fohlen, 2 Stiere, 77 Ochsen, 266 Kühe, 154 Rinder und Kälber, 27 Schafe, 1 Ziege, 65 Schweine und 237 Hühner in der Vogteien Cham.

Quartier / Weiler Wohnhäuser Einwohner Männer und Knaben Frauen und Mädchen
Kirchbühl 12 64 29 35
Städtli 26 202 101 101
Enikon 6 42 24 18
Lindencham 20 156 92 64
Friesencham 6 78 39 39
Rumentik 14 127 63 64
Bibersee 2 26 14 12
Oberwil 5 40 21 19
Niederwil 11 78 42 36
Hattwil 3 26 18 8
Frauenthal 1 - - -
Total 106 839 443 396


Wie alle voreidgenössischen Volkszählungen des 18. und frühen 19. Jahrhunderts müssen auch die 1771 erhobenen Daten vorsichtig interpretiert werden. [14] Der Zuger Stadtrat beauftragt Obervogt Stocklin mit der Erhebung im April 1771. Als Zähler vor Ort in Cham nachweisbar sind dann für den 8. und den 9. April Untervogt German Hausheer und Untervogt und Kirchmeier Ambrosius Baumgartner aus dem Städtli sowie Johann Melchior Düggelin, Unterweibel Leonz Landtwing und Alt Obervogt Josef Moos aus der Stadt Zug. [15] Wie viel Zeit die Männer für die Vorbereitung und Erhebung in den fünf Zuger Vogteien einsetzen, ob sie gezielt nach abwesenden Personen fragen und ob sie in allen Weilern und Höfen Chams die korrekten Zahlen erheben (können), bleibt unklar.


Der Zählbogen der Vogtei Cham


Detaillierte Auswertung der Volkszählung 1771

Die detaillierte Auswertung der Volkszählung 1771 ist sehr umfangreich. Deshalb steht sie hier zum Download bereit


Zusammenfassung der Volkszählung 1771 von fünf Vogteien

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Download der Zusammenfassung


Volkszählungen in Cham im 18. und im frühen 19. Jahrhundert

Der Vergleich mit anderen Erhebungen und Volkszählungen in Cham aus dem Zeitraum von 1781 bis 1850 zeigt folgende Resultate:

  • Der Zuger Arzt und Historiker Franz Karl Stadlin (1777–1829) beschreibt in seiner Kantonsgeschichte eine stark ansteigende Bevölkerungszahl: 1743 hätten in der Pfarrei Cham-Hünenberg 1932 Menschen gelebt. [16]
  • Nach dem Krisenjahr 1816 – ausserordentlich schlechtes Wetter brachte Missernten, Teuerung und Hunger – liess die Zuger Regierung im April 1817 die in den zehn Gemeinden gelagerten Lebensmittel, die Vieh- und Heubestände sowie die Zahl der Menschen erheben. In Cham werden 1004 Menschen gezählt (583 Kommunikanten; 260 Kinder; 107 Dienstpersonal und Ansässige, Kantonsbürger; 54 Dienstpersonal, Nicht-Kantonsbürger). [17]
  • Die erste zuverlässige Volkszählung von 1850 registriert in Cham 1322 Personen in 138 Liegenschaften. [18]


Einzelnachweise

  1. Bürgerarchiv Zug, A 39.26.32.1274, Ratsprotokolle der Stadt Zug 1769–1772, S. 205 (14.07.1770); A 39.26.32.1313, S. 210 (18.08.1770)
  2. Bürgerarchiv Zug, A 39.26.32.1620, Ratsprotokolle der Stadt Zug 1769–1772, S. 254 (06.04.1771)
  3. Bürgerarchiv Zug, A 39.26.32.1621, Ratsprotokolle der Stadt Zug 1769–1772, S. 255 (08.04.1771)
  4. Bürgerarchiv Zug, A 39.26.32.1655, Ratsprotokolle der Stadt Zug 1769–1772, S. 260 (27.04.1771)
  5. Bürgerarchiv Zug, A 39.27.10.499, Gemeindeversammlungsprotokolle der Stadt Zug 1763–1790, S. 143 (02.06.1771)
  6. Bürgerarchiv Zug, A 39.26.32.1747, Ratsprotokolle der Stadt Zug 1769–1772, S. 277 (15.06.1771); A 39.26.32.1859, S. 297 (07.09.1771)
  7. wohl Franz Michael Spillmann (1734–1805), Goldschmied an der Neugasse
  8. Bürgerarchiv Zug, A 39.26.32.1982, Ratsprotokolle der Stadt Zug 1769–1772, S. 313 (29.11.1771)
  9. Bürgerarchiv Zug, A 39.27.10.535, Gemeindeversammlungsprotokolle der Stadt Zug 1763–1790, S. 151 (08.03.1772)
  10. Bürgerarchiv Zug, A 39.26.32.2303, Ratsprotokolle der Stadt Zug 1769–1772, S. 354 (29.08.1772)
  11. Bürgerarchiv Zug, A 39.27.10.560, Gemeindeversammlungsprotokolle der Stadt Zug 1763–1790, S. 156 (30.08.1772)
  12. Bürgerarchiv Zug, A 39.26.33.265, Ratsprotokolle der Stadt Zug 1773–1779, S. 36 (11.09.1773); Bürgerarchiv Zug, A 39.27.10.613, Gemeindeversammlungsprotokolle der Stadt Zug 1763–1790, S. 166 (19.10.1773)
  13. Bürgerarchiv Zug, A 39.26.33.295, Ratsprotokolle der Stadt Zug 1773–1779, S. 41 (23.10.1773)
  14. Glauser, Thomas / Hoppe, Peter / Schelbert Urspeter, 12 Bevölkerungsporträts: eine Auswertung der Volkszählung von 1850, in: Der Kanton Zug zwischen 1798 und 1850, Bd. 2, Zug 1998, S. 7. Lüönd, Werner, Die Volkszählungen des 19. Jahrhunderts im Kanton Zug, in: Tugium 6, 1990, S. 70–94
  15. Bürgerarchiv Zug, A 34.8 (diverse Dorsualnotizen)
  16. Stadlin, Franz Karl, Die Geschichten der Gemeinden Chaam, Risch, Steinhausen u. Walchwyl. Des ersten Theils zweiter Band, Luzern 1819, S. 120, Anm. 71
  17. Zu den quellenkritischen Vorbehalten dieser Erhebung ausführlich vgl. Anmerkung 14 (Lüönd), S. 74–76
  18. Vgl. Anmerkung 14 (Glauser / Hoppe / Schelbert), S. 115, 133